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05.04.2006 - 12:00 Uhr

55. Hörspielpreis der Kriegsblinden geht an Michaela Melián

Bund der Kriegsblinden e.V. und Filmstiftung NRW verleihen zum 55. Mal die renommierte Auszeichnung

Für ihr Hörspiel „Föhrenwald erhält Michaela Melián den diesjährigen Hörspielpreis der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst. Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der zu den renommiertesten Auszeichnungen für Hörspielautoren zählt, wird gemeinsam vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. und der Filmstiftung Nordrhein-West­falen getragen. Mit dem Preis wird laut Statut jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Hörspiel ausgezeichnet, das „in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert”.

Das Hörspiel ”Föhrenwald”, das die bildende Künstlerin und Musikerin Michaela Melián parallel zu einer multimedialen Installation gleichen Namens realisierte, wurde vom Bayerischen Rundfunk produziert und am 4. Juli 2005 urgesendet.

Die Preisverleihung findet am 31. Mai im Plenarsaal des Bundesrates in Berlin statt.


Entschließung der Jury:

„Das Lager - eine Metapher für das zwanzigste Jahrhundert. Michaela Meliáns Hörspiel hat die Geschichte des Lagers Föhrenwald bei München zum Thema. Es war Lager zur Na­zizeit, in der amerikanischen Zone und in der jungen Bundesrepublik: Zuerst Lager für Zwangsarbeiter, dann Lager für aus schlimmeren Lagern Befreite, schließlich Lager für Flüchtlinge. Michaela Melián setzt sich mit einem bedeutenden Thema auseinander, das sie mit großer Kunst stimmig aufarbeitet. Sehr verdichtet ist der Wechsel von Zeit und Bedeutung zusammengefasst in dem lakonisch zitierten Wechsel der Straßennamen in Föhrenwald: Adolf-Hitler-Platz - Independence Platz - Kolpingplatz.

Bei diesem aus persönlichen Berichten und historischen Quellen gestalteten Hörspiel würdigt die Jury sowohl die sorgfältige und ergebnisreiche Recherche wie die künstleri­sche Darstellung. Zwei Jahre lang suchte Melián Zeitzeugen aus allen Epochen des Lagers, gewann ihr Vertrauen und befragte sie. Ihr Interesse gilt vor allem der Zeit zwischen 1946 und 1956, als Föhrenwald Auffanglager für sogenannte ‚displaced persons’ war – befreite KZ-Häftlinge, die meisten osteuropäische Juden, die auf Ausreise nach Israel oder Amerika hofften.

Aus den Dokumenten gestaltet sie eine vielstimmige Komposition, die sehr klar, sehr kon­zentriert ist durch die Auswahl der Texte und durch die Darbietung: Die Erlebnisbe­richte werden nicht von den Zeitzeugen selbst, sondern von Schauspielern gesprochen. Dadurch werden sie vom Persönlichen abgelöst und auf eine andere Ebene gehoben. Durch die sparsam gewählten Mittel entsteht eine konzentrierte Ruhe, die den Hörer bannt.

Dem rhythmischen Wechsel der Stimmen, in dem das individuelle Schicksal immer wieder durch virtuos gesetzte Zäsuren als ein gebrochenes dargestellt wird, steht die fließende Hörspielmusik gegenüber. Melián komponierte sie gemeinsam mit Carl Oesterhelt aus kurzen Fragmenten alter, verrauschter und zerkratzter Schallplattenaufnahmen klassi­scher Musik. In dieser Musik wird Zeit als ein unaufhaltsamer Fluss der Geschichte vertont, der gleichgültig über Einzelschicksale hinweggeht.

Auf diese Weise setzt Melián historische Allgemeingültigkeit mit individuell Erlebtem in Beziehung und bereichert das Genre des Hörspiels um einen akustischen Ausdruck für erinnerndes Bewusstsein.“


Zur diesjährigen Preisträgerin:

Michaela Melián wurde 1956 in München geboren und lebt in Wolfratshausen, unweit des ehemaligen Lagers Föhrenwald. Sie studierte Musik am Richard-Strauss-Konservato­rium und Malerei an der Kunstakademie München, an der sie 1998 und 1999 als Gastpro­fessorin lehrte. Seit 1982 zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.

Melián veröffentlichte verschiedene CDs unter eigenem Namen sowie als Bassistin und Sängerin der Gruppe F.S.K (Freiwillige Selbstkontrolle).

Viele ihrer künstlerischen Projekte sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die klassische Trennung von Musik und bildender Kunst überwinden und „Klangbilder“ im Sinne des Wortes schaffen.

Die parallel zu dem Hörspiel entstandene multimediale Installation „Föhrenwald“ wird als Sonderausstellung des Jüdischen Museums Franken (Fürth) bis zum 14.5.2006 nochmals zu erleben sein, in Dresden ist sie auf dem Hof der neuen Synagoge im Rahmen der Aus­stel­lung „Von der Abwesenheit des Lagers“ im Kunsthaus Dresden noch bis zum 7.5. instal­liert.

Der Jury unter Vorsitz der Autorin Anna Dünnebier gehören jeweils sieben Kriegs­blinde und sieben Fachkritiker sowie fünf von der Filmstiftung NRW berufeneJuroren aus dem Kulturbereich an. Frühere Preisträger waren u.a. Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt, Heiner Müller, Heiner Goebbels, Urs Widmer, Günter Eich, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Walter Kempowski, Wolfgang Weyrauch, Christoph Schlin­gensief, Elfriede Jelinek und im vergangenen Jahr Stefan Weigl.

Ein Foto der Preisträgerin als Download finden Sie hier



Juryliste Hörspielpreis der Kriegsblinden 2006

Kriegsblinde:

Dieter Renelt

Maximilian Skiba

Werner Kriegel

Dr. Hartmut Mehls

Hans Zehrer

Christa Schmidt

Hans-Dieter Hain


Fachkritiker:

Dr. Eva-Maria Lenz

Dr. Gaby Hartel

Dr. Thomas Irmer

Frank Kaspar

Elmar Krekeler

Dr. Hans Ulrich Wagner

Markus Collalti


Berufen von der Filmstiftung NRW:

Anna Dünnebier (Vorsitzende)

Michael Schmid-Ospach

Dr. Doris Plöschberger

Gisela Anna Stümpel

Dieter Anschlag


 


Februar 2012

 

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